Johannes der Täufer in der Nieblumer Kirche

Aus dem 15. Jahrhundert stammt die einzigartige Darstellung des Täufers in der Nieblumer St. Johanniskirche. Aus Holz geschnitzt und anschließend bemalt steht der Namenspatron der Kirche überlebensgroß rechts neben dem Altar am Südfenster des Chorraumes. Typisch für die mittelalterliche Darstellung sind das lange Haar, der wilde Bart,der rauhe Kamelhaarmantel und der Zeigefinger der rechten Hand, der auf das Lamm Gottes hinweist, denn das ist ja die wichtigste Aufgabe des Täufers. Er selbst hat es so gesagt: "Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, daß ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen". (Lk 3,16)
Als Lamm ist Christus dargestellt, als Lamm Gottes, das sich für andere hingegeben hat, und es liegt auf dem Buch, das noch geschlossen ist. Das Buch steht für das Evangelium, das mit Christus neu in die Welt gekommen ist, die Botschaft nämlich, das Gott alle Menschen als seine geliebten Geschöpfe ansieht, und ihnen seine Hand reicht zu Annahme und Erbarmen.
Ungewöhnlich an der Johannesdarstellung in Nieblum ist also nicht der obere Teil der Skulptur, sondern die kleine Figur unter den Füßen des Täufers und seine offensichtliche Verbindung mit ihm.
Der goldene Gürtel zeigt, das der kleine Mann eine vornehme und bedeutende Gestalt der Lebensgeschichte des Johannes darstellen soll. Und da gibt es nur eine Person, die hier genannt werden kann. Es ist König Herodes Antipas, der König, der an der Macht war, als Johannes der Täufer lebte und wirkte, denn mit ihm hatte er einen entscheidenden Konfilikt, wie die Schrift bezeugt.
Als mutiger Prediger wagte sich Johannes nämlich auch an politische Themen seiner Zeit. So wagte er es unter anderem den König persönlich anzugreifen, wenn er sprach: Es ist ein Unrecht, daß unser König seinen Bruder getötet hat und dann die Frau seines Bruders geheiratet hat, ohne von seiner ersten Frau geschieden zu sein. Das ist ein Unrecht, das mit dafür verantwortlich ist, das Israel untergehen wird.
Folge dieser Angriffe war, daß Johannes ins Gefängnis geworfen wurde, und dort ausharren mußte, bis ihn Herodes hinrichten lies, weil seine neue Frau, Herodias, und seine Stiftochter, Salome, es so gewünscht hatten. (Vgl. Mt 14,1-12)
Der Künstler des Mittelalters nun, stellt diesen geschichtlichen Vorgang bewußt auf den Kopt. Er läßt Johannes überlebensgroß als Sieger erscheinen und Herodes als kleinen Zwerg, der unter die Füße des Täufers getan ist.
Und er will damit sagen: Seht her! So ist das mit Johannes dem Täufer gewesen. In seinem Leben konnte er durch den Herrscher Herodes umgebracht werden ohne jegliches Gerichtsverfahren. In Wirklichkeit aber hat er über seinen Widersacher gesiegt. Das Lamm Gottes, Christus, ist in die Welt gekommen und hat das Evangelium verkündet von der Liebe Gottes, und so hat die Botschaft des Johannes gesiegt und mit ihr der Heilige selbst. Und heute ist Herodes Antipas überhaupt nur noch eine Person, über die gesprochen wird, weil er in der Bibel vorkommt und Johannes hat umbringen lassen.

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